Fritz Lietsch: Veränderung braucht Vorbilder

Okt. 2021

Ein Hippie war Fritz Lietsch nie, auch kein Öko. Noch in den 1980er Jahren fuhr er gerne schnelle Autos und war Herausgeber eines Cabrio-Magazins. Dennoch hat er schon damals Carsharing, Recycling und Umweltschutz praktiziert und gleich am Ende seines Studiums der BWL zu seiner Berufung gefunden. Heute zählt der 63-Jährige zu den Pionieren in Sachen Nachhaltigkeit und engagiert sich seit nunmehr fast vier Jahrzehnten für einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen. Seiner Überzeugung nach schließen sich eine ökologische und nachhaltige Gesellschaft und erfolgreiches, profitables Unternehmertum keineswegs aus. Ein Gespräch mit einem „Visionär“, der über Lösungen nicht nur referiert und schreibt, sondern selbst ganz lösungsorientiert praktiziert.

Herr Lietsch, wenn man im Internet recherchiert, werden Sie als Verleger, Chefredakteur, Moderator, Keynote-Speaker, Umweltaktivist oder Social Entrepreneur umschrieben. Mit welcher Beschreibung fühlen Sie sich am wohlsten?

Ich sehe mich selbst zuallererst als Unternehmer, der in vielen Bereichen etwas unternimmt und einen konkreten Beitrag dazu leistet, unseren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Darüber hinaus sehe ich mich als Zukunftsbotschafter. Durch mein Tun möchte ich die Menschen ermutigen, ihre Zukunft zu gestalten. Und das Wort Zukunft als Singular ist hier eigentlich nicht das richtige. Wir müssen vielmehr von Zukünften, also von Zukunft im Plural sprechen. Denn wir haben viele Zukünfte, es ist an uns, sich für eine zu entscheiden und dafür zu engagieren.

Wie wollen Sie die Welt besser machen?

Ich möchte bei den Menschen BeGEISTerung wecken! Und wie das Wort schon ausdrückt, möchte ich ihren Geist erreichen und einen Spirit für den Wandel schaffen. Ich möchte Menschen, die krampfhaft versuchen, sich am Althergebrachten festzuhalten, die Angst vor der Veränderung nehmen, sie in den Fluss des Lebens bringen. Und das erreiche ich, indem ich nicht nur sage, was man nicht machen soll, sondern mithelfe, Alternativen zu entdecken und neue Lösungen zu entwickeln. Deshalb rede ich viel lieber von Lösungen als von Problemen. Aber eine Lösung finde ich nur, wenn ich Begeisterung und einen Spirit für Veränderung schaffe. Insofern halte ich es mit dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, beginne nicht damit, Holz zusammenzusuchen, Bretter zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern erwecke in den Herzen der Menschen die Sehnsucht nach dem großen und schönen Meer.“

Das klingt leicht – ist es aber sicher nicht. Wo stehen Sie gerade?

Der Mensch ist in seinen eingegrabenen Denk- und Verhaltensmustern oftmals gefangen. Die Bereitschaft sich zu verändern, entsteht typischerweise entweder durch Katastrophen und Angst oder durch Motivation und Einsicht. Greta Thunberg und ihre „Fridays for Future“-Bewegung setzen dabei auf das „Angst machen“. Vielleicht ist das richtig, denn Angst ist eine Emotion, die nötig ist, um ins Handeln zu kommen. Ich bin da anders. Ich setze auf Begeisterung und Motivation.

Lebt die heutige Generation vielleicht einfach über ihre Verhältnisse? Und wenn ja, brauchen wir dann nicht eine Verzichtskultur?

Nein, eine Veränderungskultur! Es geht darum, etwas bewusst zu tun. Ich verkneife mir nichts, aber reduziere, was geht. Wir haben zuhause bei uns keine Wurst oder Fleisch im Kühlschrank und dennoch gönnen wir uns dann und wann ein Steak, wenn der Bio-Bauer in der Nachbarschaft mal Schlachttag hat. Ich hatte auch kein schlechtes Gewissen, wenn wir als Familie gemeinsam mal nach Thailand in den Urlaub geflogen sind, denn meine Söhne erzählen noch heute begeistert von diesem Jugenderlebnis, Aber ich habe auf jeden Flug und jede Autofahrt verzichtet, die nicht unbedingt nötig war. Ich genieße auch ab und an mal eine Zigarette, aber mache es nicht zur Gewohnheit. Die Kunst ist es, nicht in feste Muster zu fallen und abhängig zu werden.

„Schule und Bildung haben einen wesentlichen Einfluss, ob und wie wir eine nachhaltige Zukunft erreichen werden.“

Fritz Lietsch
 

Wird uns unser Streben nach Mehr nicht schon in die Wiege gelegt?

Das mag sein. Aber ein „immer mehr von allem“ wird uns auf Dauer nicht befriedigen. Leben bedeutet nicht nur Wachstum. Ein einfacher Blick in die Natur reicht da, um das zu erkennen. Es gibt den Frühling, wo es gilt zu säen, zu hegen und zu pflegen. Es gibt den Sommer, wo alles sprießt, einen Herbst der reichen Ernte und einen Winter als Zeit der Ruhe. Unser immer mehr, unsere Sucht nach permanentem Wachstum basiert auf einem Raubbau an Natur und Mensch.

Wir hier in Deutschland zählen ja zu den besonders Begüterten. Wir haben genug. Und es ist eigentlich schrecklich, wie wir unseren überbordenden Reichtum zelebrieren und am Status quo festhalten, statt neue Wege für ein zukunftsfähiges Leben und Arbeiten zu suchen. Genau deshalb macht die aktuelle Ausgabe unseres Magazins „Nachhaltig Wirtschaften“ mit dem Titel auf: Es reicht!

Das Thema Nachhaltigkeit ist heute mehr denn je in aller Munde. Hitzewellen, Flutkatastrophen, Monsterstürme – der Klimawandel ist für jedermann erkennbar. Welche Veränderungen bedarf es für die notwendigen Schritte in die richtige Richtung?

Die Wirtschaft hat wesentlichen Einfluss auf unser Leben. Hier kann man viel bewegen, hier muss man ansetzen. Doch statt zu strafen, sollte man zu „best practice“ ermutigen, um eine lebens- und liebenswerte Zukunft zu gestalten. Nachhaltigkeit ist keine Bürde oder Last. Sie ist eine Spielwiese für Innovation. Sie ist ein starker Faktor der Markenbildung, der die Möglichkeit bietet, sich vom Wettbewerb zu differenzieren. Immer mehr Unternehmen erkennen das und positionieren sich über ihr ESG-Engagement neu. Insofern freut es mich, dass auch Stiftungen wie die PATRIZIA Foundation heute einen ganz neuen Stellenwert in der Unternehmenswelt erfahren.

Die PATRIZIA Foundation gibt Kindern Zugang zu Bildung. Ist das der Schlüssel für eine nachhaltige Zukunft?

Selbstverständlich! Das zeigt allein die Tatsache, dass ein höheres Bildungsniveau und ein damit verbundener Wohlstand mit einer geringeren Zahl von Kindern einhergehen. Dies mag für den einen oder anderen befremdlich klingen, aber das Bevölkerungswachstum bzw. die zu erwartende Überbevölkerung ist nun mal auch ein Thema, das den Globus nachhaltig tangieren wird.

Aber nicht nur deshalb ist Bildung sehr wichtig: Die Schule ist ein Ort des Zusammenkommens und des Miteinanders. Abseits aller Mathematikformeln oder Gedichte lernt man in der Schule neue Freunde kennen, interagiert mit Schulkameraden im Pausenhof und ist in der Schulklasse füreinander da. Aus meiner Sicht sind diese Social Skills viel entscheidender. Dazu gehört auch, dass wir wieder lernen, solidarisch zu sein, zusammenzuarbeiten und uns sozial zu engagieren. Derzeit fallen wir in eine neue Form des Egoismus zurück, egal ob es nun „America first“ oder „me first“ heißt. Wir müssen aber das Miteinander in den Mittelpunkt stellen. Ansonsten klafft unsere Gesellschaft immer weiter auseinander. Schule und Bildung haben somit einen wesentlichen Einfluss, ob und wie wir eine nachhaltige Zukunft erreichen werden.

Wie schätzen Sie das Thema Nachhaltigkeit in Deutschland im internationalen Vergleich ein?

Deutschland hat sich sehr früh mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Lange Zeit waren wir Musterschüler, jetzt sind wir allemal unterer Durchschnitt. Wenn wir das Thema von Anfang an richtig ernst genommen hätten, stünde es um das Thema Wirtschaftlichkeit vieler nachhaltiger Technologien heute viel besser. Zudem hätten wir gewisse Umwelttechnologien konsequent umsetzen müssen, um nicht, wie bei der Solar-Technologie, wieder aus dem Feld verdrängt zu werden. BMW hatte bereits in den 1970er Jahren das erste Elektrofahrzeug konzipiert. Die Pläne verschwanden allerdings in den Schubladen, weil wir nicht den Mut und die Visionen hatten, das endgültig durchzuziehen. Ich glaube, wir haben viel verpennt und unsere Vorreiterrolle dadurch nicht genutzt. Als viertgrößte Volkswirtschaft in der Welt kann Deutschland aber auch heute noch immer viel bewegen. Wir müssen es sogar, wenn wir mithelfen wollen, dass dieses Schiff nicht untergeht.

Haben Sie Vorbilder?

Mir imponieren Leute, die das Leben nicht zu ernst nehmen. Meiner Ansicht nach sollten wir das Leben feiern. Wir sind wahnsinnig beschenkt: Unsere Generation hat keinen Krieg erlebt. Wir sind bestens ernährt. Wir sind gut ausgebildet. Wir sind keinen existenziellen Gefahren ausgesetzt. Es liegt nun an uns, dieses Geschenk in einer friedvollen und gut ausgestatteten Ecke des Globus leben zu dürfen, wertzuschätzen und an neuen zukunftsfähigen Gesellschaftsmodellen zu arbeiten.

Die westliche Welt war lange Zeit Vorbild für ungezügelten Konsum und hedonistischen Lebensstandard. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir ein neues Vorbild sind – dafür, wie ein Leben noch schöner sein kann, wenn man es anders, also wirtschaftlich nachhaltiger und damit wirklich sinn- und genussvoll lebt.

Das Interview führte Andreas Menke.

Fritz Lietsch

Fritz Lietsch, Jahrgang 1957, ist Geschäftsführer des Altop-Verlags, den der studierte Betriebswirt vor 35 Jahren in München mitaufgebaut hat. Als einer der Pioniere der Umweltbewegung veröffentlichte er 1986 die erste Ausgabe des Alternativen Branchenbuches, einer umfassenden Marktübersicht ökologisch sinnvoller Produkte und Dienstleistungen. Damit legte er den Grundstein für ein Netzwerk, das im deutschsprachigen Raum Unternehmen und Konsumenten zusammenbringt und die Nachhaltigkeit entscheidend fördert. Ein wichtiger Knotenpunkt in diesem Netzwerk ist das seit 1996 aufgebaute Internetportal ECO-World.de, das eine Datenbank mit über 20.000 Anbietern von nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen umfasst.

2007 gründete Lietsch das Nachhaltigkeitsportal www.forum-csr.net. Als Chefredakteur des Entscheider-Magazins „forum Nachhaltig Wirtschaften“ ist er Mitgestalter der Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. 2010 wurde ihm der renommierte B.A.U.M.-Umweltpreis verliehen.

Fritz Lietsch geht es darum, Unternehmer, Politiker und Verbraucher zu bewusstem, ökologischem und nachhaltigem Handeln zu animieren. Auch privat ist er seinen Visionen verpflichtet. Er engagiert sich in seiner Heimat für Umweltaktionen und stellt sein Expertenwissen auch dort vor Ort zur Verfügung.