Beatrice Rutishauser Ramm und Otto Dodoo: Digitales Klassenzimmer an drei Pilotschulen

Apr. 2021

Aus den Mitteln des Corona Fund Education Healthcare fördert die PATRIZIA Foundation den Aufbau von Infrastrukturen für digitales Lernen. Dafür entwickelt die Stiftung zusammen mit Beatrice Rutishauser Ramm und Otto Dodoo ein adaptives Konzept für den „Digital Classroom“, das zunächst in drei Pilotländer umgesetzt werden soll.

Beatrice, durch deine Arbeit in Krisengebieten wie Kosovo, Palästina, Bangladesch und Kambodscha hast du dich intensiv damit beschäftigt, wie sich Krisen auf die Bildung von Kindern auswirken. Mit der Corona-Pandemie erleben wir jetzt weltweit eine Krise. Was macht diese Krise mit den Kindern?

Beatrice: Viele Kinder lebten schon vor der Corona-Krise in einer chronischen Armutskrise. Dennoch empfanden die Kinder ihr Leben trotz vieler Unsicherheiten als „normal“. Sie wussten sich einzubringen, halfen ihren Eltern den Lebensunterhalt zu sichern, machten Hausaufgaben und passten auf ihre Geschwister auf. Sie fühlten sich selbstkompetent, da trotz Krise eine Regelmäßigkeit stattfinden konnte. Die Corona-Krise brachte diese fragile Regelmäßigkeit ins Wanken. Plötzlich war der Hunger das größere Problem als der unsichtbare Corona-Virus. Die Kinder mussten wieder neu lernen, mit dieser neuen Unsicherheit umzugehen, zudem fiel die Schule weg.

Die von dir entwickelte Essenz des Lernens (EoL) soll auch in den Digital Classroom einfließen. Wie genau?

Beatrice: In Krisen leiden Kinder oft aus unterschiedlichen Gründen an Entwicklungsrückständen und Lernschwierigkeiten. Viele Kinder fühlen sich von der Schule überfordert. Da hat es sich gezeigt, dass wenn nur mit der „Essenz des Lernens“ gearbeitet wird, dies auf der einen Seite die Lehrpersonen entlastet und vor allem den Kindern das Lernen erleichtert. Auch weil die Kinder Lernstrategien lernten, die sie selbstaktiv anwenden können. Kinder, die ein EoL-Programm durchlaufen haben, besitzen eine Notfall-Lernbox. Darin sind z. B. 100 PET-Deckel, mit denen die Kinder herrlich rechnen können, oder ein Notizheft mit eigenen Aufsätzen und Leseblättern, zu denen sie Bilder gemalt haben. Viele Kinder haben diese Notfall-Lernbox während der Corona-Zeit aktiviert und erweitert. Damit das digitale Lernen fruchtbar wird, sind die Kinder darauf angewiesen, Lernstrategien zu kennen. Der EoL-Ansatz kann hier helfen, um die digitalen Inputs analog nacharbeiten zu können.

Was sind die Herausforderungen bei der Entwicklung des Konzepts für den Digital Classroom?

Beatrice: Viele Schulen haben Infrastrukturprobleme, die denjenigen der Familien in der Umgebung ähnlich sind: Elektrizität ist nicht permanent vorhanden, Internet fehlt, zudem sind die Finanzen knapp. Viele Lehrpersonen haben keine Ausbildung, in der sie unterschiedliche Lernmethoden praktisch üben konnten, um z. B. in Gruppen zu unterrichten oder wie Lernverantwortung an Kinder übergeben werden kann. Diese beiden Herausforderungen gilt es anzunehmen, um das qualitative Lernen generell zu stärken. Auch darum wird das Digitale in Etappen bereitgestellt, dies hilft der Schule, die Veränderungen zu integrieren.

Viele Schulen haben Infrastrukturprobleme, die denjenigen der Familien in der Umgebung ähnlich sind: Elektrizität ist nicht permanent vorhanden, Internet fehlt, zudem sind die Finanzen knapp.

Welche Aspekte müssen dabei berücksichtigt werden?

Otto: Wir müssen realistische digitale Lösungen finden, damit Kinder, die in einem von Armut geprägten Umfeld leben, ihre erworbenen digitalen Kompetenzen auch im Alltag nutzen können. Wir konzentrieren uns auf zwei Hauptaspekte: Erstens wollen wir adaptiv zur Schulsituation gemeinsam mit dem Partner passende Endgeräte wählen, die sich im Prozess erweitern lassen. Dabei werden Aspekte der Infrastruktur, Strom und Internet, Wartungsenergie, Programme und Plattformen sowie Endgeräte, die für das digitale Klassenzimmer notwendig sind, abgewogen. Zweitens geht es darum, die Weiterbildung von Pädagogen und Eltern zu stärken. So werden diese in ihren methodisch-didaktischen Fähigkeiten geschult, damit digitales Lernen in den Schulunterricht integriert und nicht als „Extra-Anhang“ wahrgenommen wird. Dies ist wichtig, da das digitale Lernen für die Wissenserweiterung und -vertiefung genutzt werden kann. Somit können wir mit der Weiterbildung anfangen und gleichzeitig die Schule besser kennenlernen und mit ihnen gemeinsam an einer nachhaltigen digitalen Lösung arbeiten.

Worauf ist in der Umsetzung des adaptiven Digital Classroom (ADC) zu achten?

Otto: Es ist wichtig, gemeinsam einen machbaren Stufenplan zu entwickeln, hinter dem Schulleitung, Lehrpersonen und Eltern stehen können. Deshalb wollen wir die Implementierung auf drei Phasen stützen: eine Vorphase, in der es primär um Abklärung und Weiterbildung geht, dann eine Implementierungsphase, die zahlreiche Veränderungen im Schulablauf mit sich bringt, und schließlich die Monitoring- und Evaluierungsphase, in der auch eventuelle Schwierigkeiten gemeinsam bearbeitet werden können. Danach erfolgt die Feinabstimmung. Sind diese Phasen abgeschlossen, kann die Schule in eine nächste Erweiterungsphase eintreten. Es wird deutlich, dass dies keine rasche Form der Implementierung ist, dafür aber kann sie organisch wachsen und auch innerhalb der Schule in Administration und Unterrichtsgestaltung eine digitale Kompetenz aufbauen.

Neben dem ADC arbeitet ihr auch an einer Emergency ADC-Lösung (E-ADC). Warum ist diese notwendig und woraus besteht sie?

Otto: Basierend auf den Informationen der drei Pilotschulen haben wir festgestellt, dass sie alle Probleme in Bezug auf eine stabile Stromversorgung und Internetverbindung haben. Zudem ist generell wenig Unterrichtsmaterial und zu wenig Budget für ein nachhaltiges digitales Klassenzimmers vorhanden. In Anbetracht dieser Probleme haben wir eine temporäre E-ADC-Lösung entwickelt. Sie ermöglicht den Schülern trotzdem digitale Fähigkeiten zu lernen. Hinter dem E-ADC-Plan steht die Wunderkiste, die als Raspberry Pi bekannt ist. Der Raspberry Pi ist ein preiswerter, kreditkartengroßer Computer, der an einen Monitor oder Fernseher angeschlossen werden kann und eine Standardtastatur und -Maus verwendet. So kann diese kleine Wunderkiste mit noch brauchbaren Computerteilen vor Ort ergänzt werden. Darüber hinaus werden wir im Rahmen des E-ADC den Raspberry Pi nutzen, um einen Offline-Bildungsserver zu erstellen. Damit können armutsbetroffene Schulen auch ohne Internet Zugang zu digitalen Bildungsinhalten erhalten.

Es zeigt auf, dass die analoge Handlungs- und Lernkompetenz nicht vergessen werden darf. Denn jeder Wissensinhalt muss auch im digitalen Lernen von den Kindern verarbeitet werden.

Was sind die Vorteile der Notlösung aus pädagogischer Sicht?

Otto: Die E-ADC-Lösung wird den älteren Schülern helfen, das Programmieren zu lernen, visionär Roboter zu bauen und alle Arten von verrückten und wunderbaren Projekten zu erstellen. Zugleich können die Schüler auf Offline-Open-Source-Bildungsmaterialien zugreifen, die ihnen helfen, frei, flexibel, intelligent und gut zu lernen.

Beatrice: Dies zeigt auf, dass die analoge Handlungs- und Lernkompetenz nicht vergessen werden darf. Denn jeder Wissensinhalt muss auch im digitalen Lernen von den Kindern verarbeitet werden. So gilt es, auch das digitale Lernen der Denkfähigkeit anzupassen. Letztendlich bauen auch Kindergartenkinder „Roboter“ mit ihren Spielsachen und bereiten so die Handlungskompetenz vor, die sie dann auch mit dem digitalen Handwerkszeug digital nachbauen.

Das Konzept soll an drei Schulen der PATRIZIA Foundation in Kamerun, Nepal und Ruanda umgesetzt werden. Warum in diesen Pilotländern und was sind die jeweiligen Unterschiede bzw. Herausforderungen vor Ort?

Beatrice: Die PATRIZIA School Yaoundé in Kamerun ist eine Primar- und Sekundarschule mit 600 Kindern. Pro Klasse unterrichtet eine Lehrperson 50 bis 60 Schüler. Die Lehrkräfte sind laut Schuldirektor ungenügend ausgebildet und verfügen selbst über wenig digitale Erfahrungen. Die Schule möchte eine Vorbildschule für Kamerun werden, die den Schülern auch moderne Lernmöglichkeiten offeriert.

Otto: Das PATRIZIA Vocational Training Center Ntarama in Ruanda ist eine Berufsschule, die von 225 Jugendlichen und jungen Erwachsenen besucht wird. Auch hier gibt es Infrastrukturprobleme und das laufende Budget lässt keine Extrakosten für Internet zu. Zudem gilt es, in diesem Alter auch die Prävention vor den Internetgefahren ernst zu nehmen und den Studenten zu vermitteln. Dies zeigt, dass uns auch Fragen des Schutzes der Kinder und Jugendlichen im Internet am Herzen liegen und wir dies mit den Partnern besprechen.

Beatrice: Die dritte Schule ist in Nepal: Die PATRIZIA School Dhoksan steht in einem Bergdorf und war schwer gebeutelt vom Erdbeben. Hier hat die PATRIZIA Foundation bereits 2019 beim Wiederaufbau geholfen und die Schule erweitert. Jetzt steht gemeinsam mit unserem Partner Supertecture der Bau eines innovativen, erdbebensicheren digitalen Klassenzimmers an. Hier werden wir die Digitalisierung gemeinsam mit der Schule noch vor dem Baubeginn sorgfältig vorbereiten. Das wird ein Leuchtturmprojekt: modernste Medienausstattung in einem abgelegenen Bergdorf, die die Schulgemeinschaft mit der Welt verbinden wird.

Diese drei Schulen zeigen sehr gut die unterschiedlichen Schulsituationen auf und machen deutlich, warum es ein adaptives digitales Konzept braucht, das auf der Entwicklung des Kindes und einem modernen Unterrichtverständnis fußt. So können wir mit den ersten Erfahrungen das Konzept schärfen und anderen Schulen unser Wissen weitergeben.

Beatrice Rutishauser Ramm

ist ausgebildete Pädagogin mit einem Master in „Global Education“. Nachdem sie zehn Jahre als Klassenlehrerin tätig war, hat sie fast zwanzig Jahre als Notfallpädagogin für die Caritas Schweiz gearbeitet. Die internationalen Einsatzgebiete waren gekennzeichnet durch chronische oder akute Krisen. Seit Anfang 2020 ist sie als unabhängige Beraterin für notfallpädagogische Themenbereiche aktiv. Im Rahmen ihrer Tätigkeit für die Caritas Schweiz hat sie „Essence of Learning“ (EoL) entwickelt und damit einen adaptierbaren Ansatz geschaffen, der Kinder in ihrem Lernbedürfnis abholt – allen Krisen zum Trotz. EoL kommt in Programmen für unterschiedliche Altersstufen sowohl inner- als auch außerschulisch zum Einsatz. 2017 wurde der Ansatz vom UNHCR für den „Humanitarian Educational Accelerator“ (HEA) ausgewählt und gefördert. Seit September 2020 unterstützt die Pädagogin die PATRIZIA Foundation mit ihrer Expertise. Ihre Podcast-Serie „We are in this together“ war bei den mEducation Alliance Awards 2021  unter den Top 3 in der Kategorie „Crisis and Conflict Response“.

 

Rafak Nii Otto Dodoo

unterstützt die PATRIZIA Foundation seit November 2020 als Berater für das Digital-Classroom-Projekt. Er hat an der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt „International Affairs and Profit & Non-Profit Management“ studiert. Aufgewachsen in Ghana hat ihm sein eigener Lebensweg gezeigt, wie sehr der Zugang zu Bildung das Leben verbessern kann. Otto hat eine Reihe von Projekten zur Bildungsförderung in Afrika initiiert, z. B. das Projekt „Knowledge is Power“, das 2019 mit dem Commitment Award der Willy Brandt School ausgezeichnet wurde. Außerdem ist er Mitbegründer des „Dodoo Coding Club“, um Kindern in seinem Heimatdorf das Erlernen von Computerprogrammierung zu erleichtern.